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»Strukturalismus. Saussure und die strukturalistische Episteme«.

Ringvorlesung und Symposion an der Universität zu Köln

 

Ringvorlesung: 17.10., 07.11., 14.11., 21.11., 05.12., 12.12.2017 [Gyrhoftsr. 15, Hörsaal XXXI]

Symposion: 13.-14.12.2017 [Alter Senatssaal, Albertus-Magnus-Platz]

 

 

Gut ein Jahrhundert nach dem Erscheinen des „Cours de linguistique générale  gilt der Schweizer Sprach- und Zeichentheoretiker Ferdinand de Saussure noch immer als der ›revolutionäre Begründer‹ des Strukturalismus. Diese Rolle wird ihm vor allem als ›Autor‹ des 1916, drei Jahre nach seinem Tod erschienenen „Cours de linguistique générale“ zuteil, der eine spektakuläre Wirkungsgeschichte hatte und der wohl das am meisten zitierte sprachwissenschaftliche Buch des zwanzigsten Jahrhunderts ist. In der ›Cours‹-Wirkungsgeschichte entstand eine geradezu symbiotische Verbindung zwischen dem Autornamen ›Saussure‹ und einer epistemologischen Bewegung in den Kultur- und Geisteswissenschaften, die als erster Roman Jakobson 1929 ›Strukturalismus genannt hat. Nun hat Saussure das Buch, das ihn berühmt gemacht hat, nicht selbst verfasst. Seine Autorschaft ist eine wirkungsgeschichtliche Fiktion, hinter der nun sichtbar wird, dass der ›strukturalistische‹ Autor ›Saussure‹ als eine Erfindung des Paradigmas angesehen werden muss, das begründet zu haben man ihm zuschreibt. Zugleich wird zunehmend – insbesondere in den umfangreichen, zumeist fragmentarischen gebliebenen Texten von Saussures eigener Hand – eine semiologische Sprachidee sichtbar, die – in schierem Gegensatz zu den Grundüberzeugungen des Strukturalismus – ›Sprache‹ in ihrer Historizität und Sozialität, als ›Zirkulation‹ bzw. als ›Spiel der Zeichen‹, als ›Zeichengebrauch‹ in den Blick nimmt. 

Angesichts dieses Befundes versuchen die Beiträge der Ringvorlesung und des sich an sie anschließenden Symposions einige zentrale Fragen in den Blick zu nehmen: (1) Welches sind die wissenschaftshistorischen Gründe für das Verblassen des strukturalistischen Begründungs-›Mythos‹, durch das in wachsendem Maße ein ›neuer‹ Blick auf einen ›historischen‹ Saussure ermöglicht wird, der tatsächlich Autor seiner Schriften ist. (2) Läßt sich der ›historische‹ Saussure als grundlegender Kritiker des Strukturalismus-Kognitivismus lesen, als dessen Gründer er lange Zeit betrachtet wurde? (3) Gewinnt der ›historische‹ Saussure, dessen semiologische Sprachidee, die ›Sprache als dynamische Gestalt‹, als ›diskursiv-soziales‹ Phänomen konzeptualisiert, neue Relevanz für die rezenten Debatten der Kultur- und Geisteswissenschaften etwa auf den Feldern der ästhetischen Theorie bzw. der Sprach- und Medientheorie. (4) Lassen sich am ›Fallbeispiel‹ des -›Strukturalismus-Gründers Saussure‹ exemplarisch die Bedingungen der ›Erfindung‹ und Konstitution von Wissenschaftsparadigmen sowie die Rolle von Gründungsmythen und Gründungsnarrativen bei der Entstehung neuer Wissensordnungen beobachten?

Ringvorlesung:

Zeit: jeweils Dienstag [mit Ausnahme des 23.10. und des 12.12.] 18:00-19:30 Uhr

Ort: Hörsaal XXXI, Gyrhofstr. 15

·       17.10. Ludwig Jäger (Köln/Aachen): Saussures Sprachidee und die strukturalistische Episteme

·       07.11. Manfred Frank (Tübingen): Derridas Saussure. Wie die neostrukturalistische Sprachphilosophie Saussure aneignet, anarchisiert und verfehlt

·       21.11. Sam Weber (Chicago/Paris): Saussure, Derrida, Lacan: Die Sprache als Bedeutungsvorgang

·       28.11. Andreas Kablitz (Köln): Selbstreferenz und Gegenständlichkeit. Anmerkungen zur strukturalistischen Definition von Literatur

·       05.12. Jürgen Trabant (Berlin): Vom ›Cours‹ zum ›Corso‹ und zurück: ein Buch sucht einen Autor

 

Ort: Alter Senatssaal Albertus-Magnus-Platz

·       12.12. Daniele Gambarara (Calabria): Welcher Strukturalismus bei Saussure? Und welcher Strukturalismus für uns heute? [zugleich Eröffnungsvortrag des Symposions mit anschließendem Apéro]

 

Symposion: (13.12. –14.12.2017)

Ort: Alter Senatssaal Albertus-Magnus-Platz

Mittwoch 13.12.2017

·       08:45-09:00 Ludwig Jäger (Köln/Aachen), Andreas Kablitz (Köln): Begrüßung

Chair: Hans-Martin Gauger (Freiburg)

·       09:00-10:00 François Rastier (Paris): Structuralisme et formes symboliques: Saussure et Cassirer aujour-d'hui

·       10:00-11:00 Marie-José Béguelin (Neuchâtel): Aux sources du structuralisme saussurien: la méthode com-parative et l’expérience du Mémoire

·       11:00-11:30 Kaffeepause

·       11:30-12:30 Diskussion der Vormittagsvorträge – Leitung: Hans-Martin Gauger (Freiburg)

·       12:30-15:00 Mittagspause

Chair: Wolfgang Raible (Freiburg) 

·       15:00-16:00 Gisela Fehrmann (Bonn): Neurosemiologie: radikale Gebrauchstheorie und soziale Kognition

·       16:00-17:00 Renate Lachmann (Konstanz): Zwei Versionen einer russischen de Saussure-Rezeption: Jakobson/Bachtin

·       17:00-17:30 Kaffeepause

·       17:30-18:30 Uwe Wirth (Gießen): Wie verändert sich Bedeutung? Saussure - Peirce - Derrida

·       18:30- 19:30 Diskussion der Nachmittagsvorträge – Leitung : Wolfgang Raible (Freiburg)

·       20:00 Gemeinsames Abendessen der Referentinnen und Referenten sowie der Chairs

Donnerstag 14.12.2017

Chair: Andreas Kablitz (Köln)

·       09:15-10:15 Jacques Coursil: Le programme de la langue dans le corpus saussurien

·       10:15-11:15 Jean-Paul Bronckart (Genève): La langue chez Ferdinand de Saussure. Une articulation sub-tile de l'activité discursive et du système de signes

·       11:15-11:45 Kaffeepause

·       11:45-13:15 Diskussion der Vormittagsvorträge und Abschlussdiskussion – Leitung: Andreas Kablitz (Köln) und Ludwig Jäger (Köln/Aachen)

 

13:15  Ende des Symposions

 

Die Bibliothek ist vom 9. bis zum 18. März geschlossen.